130°: Schnecke
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Schnecke
Kennen Sie diese Urzeitmuschel? Diese runde Schnecke, die früher, also ganz früher, in der Kreidezeit, auf dem tiefen, schwarzen Meeresgrund vornehmlich herumlag. Ja wirklich. Eigentlich tat dieses Weichtier die ganze Zeit nichts. Mit dem Kopf und einer Menge Tentakeln und zwei großen, runden Telleraugen vorne, am Ausgang des Schneckengehäuses. Das Tier strudelte lediglich andere, kleinere Lebewesen in sich hinein und bewohnte den Rest der Zeit aktiv sein dunkles Gehäuse. Beeindruckend: Die Tiere konnten einen Durchmesser von über einem Meter erreichen. Und das in einem so gefährlichen Ort wie der See. Sie wissen, was für Dinge dort passieren.
Stellen Sie sich bloß vor: Sie nehmen ein Bad im Ozean, es ist heiß draußen. Und die Sonne brennt unbarmherzig auf Sie nieder, hat Ihre Haare schon ausgeblichen. Die Zeit funktioniert anders am Meer. In stetiger Zeitlosigkeit verbrachten Sie bis hierher Ihr Dasein am Strand, um dort Dinge zu tun, die man dort eben so tut: Bräunen. Frisbee spielen. Oder dieses blöde Spiel mit den weichen Strickbällchen, die man wie ein brasilianischer Stürmer mit den Füßen jonglieren soll. Eis essen. Sonnenbrand bekommen. Blasen vom heißen Sand kriegen, Strandtennis spielen, Spaziergänge unternehmen. Jetzt, nach all diesen erschöpfenden Aktivitäten, wagen Sie sich ins kühle Nass. Ihr Schweiß auf der Haut wird mit einer Wellenbewegung durch winzige, salzige Wassermoleküle ersetzt. Begeistert von einer solch akuten Linderung holen Sie tief Luft und lassen sich wie eine Boje unter Wasser sinken. Schwerelos schweben Sie ein wenig umher und denken an nichts als Ferien und an die nächste Mahlzeit, die voraussichtlich aus gegrilltem Fisch und einem frischen Beilagensalat bestehen wird.
Dann: Auftritt Urzeitschnecke. Mit Ihren schwieligen Zehen berühren Sie, noch im Schwebemodus, ganz sachte die glatte, kühle Oberfläche dieses riesigen Exemplars. Ein Meter Durchmesser? Wohl eher fünf! Mit Sicherheit kennen Sie dieses Gefühl, das einsetzt, wenn Sie etwas nicht erwartet haben. Sie zucken. Sie bekommen einen wahnsinnigen Schreck. Hände schwitzen, körperliche Notstrom-Aggregate sind angestellt, Alarm! Zurück! Ahhh! Was ist es? Was? Was? Sie ekeln sich. Ihr ganzer Körper erschaudert unter der Unwissenheit, der Sie unmittelbar ausgeliefert sind. In diesem Falle, im Meer, unter der heißen Sonne, die von oben das Meer blau färbt, obwohl sie selber gelb scheint, haben Sie Dummkopf die fette Urzeitschnecke, den so genannten Nautilus, mit ihren verschmorten Zehen berührt. Sie können ja von Glück sagen, dass der Nautilus sich nicht mit seinen vielen Tentakeln in Ihren Zehen verhedderte.
Das Problem ist, dass Sie zwar ob der ungewollten Zusammenkunft erschaudern, zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht wissen, dass es sich dabei um ein zum Leben erwachtes Urzeit-Tier handelt. Wüssten Sie es, ekelten Sie sich vermutlich genauso– Müssten aber zugleich ein schlechtes Gewissen haben, diesen wahnsinnig aufregenden Fund nicht in erster Linie sofort feiern zu wollen. Immerhin verirrt sich nicht alle Tage ein Nautilus in die heimische Nordsee. Viel zu gewöhnlich sei dieses Gewässer für ein Tier wie ihn, gäbe der Nautilus zu Protokoll, könnte er sprechen. Jedenfalls machen Sie sich nun, nachdem Sie das glibschige Schneckenhaus berührten, unheimlich schnell aus dem Wasser. Zuvor tauchen Sie panisch unter, bekommen keine Luft! Der mitgebrachte Schnorchel füllt sich mit Wasser. Die Taucherbrille beschlägt. Und durch das milchige Plastik erkennen Sie endlich, mit wem oder was Sie sich gerade angelegt haben: Mit einem Nautilus! Wahrhaftig! Die Teile sieht man doch sonst nur in Kinderbüchern und als schlecht animierte Computerkonstruktion in semi-professionellen TV-Dokumentationen am Samstagvormittag! Scheiße. Ist das eklig! Raus hier! Wie ein Irrer paddeln Sie in Richtung Strand. Der Weg erscheint ewig lang, immer sitzt Ihnen der Schnecken-Alarm im Nacken. Der Nautilus könnte ja einen seiner langen Tentakel ausstrecken und Sie arme Kreatur in seinen Tiefseeschlund hinabstrudeln. Seien Sie aber unbesorgt: Der Nautilus ist ausgestorben, seit etwa 8 Millionen Jahren.
Nina Wiegers, 2013.


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